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Die Pädagogik der Tübinger Freien Waldorfschule

Weltweit gibt es heute gut 850 Waldorfschulen. Sie verteilen sich auf etwa 57 Länder der Erde. Es gibt islamische Waldorfschulen in Ägypten, indianische Waldorfschulen in den USA, Waldorfschulen in Chile und in Indien usw. Aber davon weiß man erstaunlicher Weise in der Öffentlichkeit kaum etwas. Und so verwunderlich es klingen mag: noch viel weniger weiß man von dem zentralen Anliegen der Waldorfpädagogik. Einigermaßen bekannt sind nur ein paar berühmt gewordene Grundprinzipien. Das berühmteste ist sicherlich, dass die Waldorfschulen kein Sitzenbleiben kennen. Und in der Tat: Dieses Prinzip ist immer noch geradezu revolutionär. Zwar hat im Jahr 2009 die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vorgelegt, derzufolge das Sitzenbleiben ineffektiv ist und zudem sehr teuer, aber abgeschafft ist dadurch das Sitzenbleiben noch lange nicht. Nur bei den Waldorfschulen. Seit 90 Jahren beweisen sie, dass es auch ohne Sitzenbleiben geht und vor allem, dass man trotzdem alle gängigen Abschlüsse vom Hauptschulabschluss über die mittlere Reife bis zum Fachabitur und Abitur sehr erfolgreich absolvieren kann. An der Tübinger Waldorfschule zum Beispiel können sich diese Ergebnisse  Jahr für Jahr sehen lassen und wir erfahren von den prüfenden staatlichen Lehrern viel Anerkennung. Was also für viele Pädagogen ganz unvorstellbar ist, ist an den Waldorfschulen jahrzehntelange Praxis. Aber warum die Waldorfschulen aus Prinzip das Sitzenbleiben nicht wollen, das wird kaum je gewusst. Stattdessen taucht natürlich schnell das Vorurteil auf, dass die Waldorfschulen weniger auf Leistung setzen. Und das ist nun wirklich Unfug! Das Gegenteil ist richtig: Natürlich setzt man in der Waldorfpädagogik auf Leistung. Sogar sehr! Jeder Schüler soll das ihm Bestmögliche leisten. Aber wie man ihn dazu führt ohne den Druck des Sitzenbleibens und sogar mindestens 8 Jahre lang ohne den Druck von Noten, dazu bedarf es besonderer pädagogischer Mittel.
Ein weiteres, berühmt gewordenes Prinzip der Waldorfpädagogik ist der Unterricht in sogenannten Epochen: Die Schüler haben zum Beispiel 4 Wochen lang an jedem Tag der Woche morgens in den ersten beiden Stunden das Fach Biologie. In den folgenden 3 Wochen haben sie in der gleichen Zeit jeden Tag Mathematik. Dann Deutsch, dann Physik usw. Und erst nach einigen Monaten hat man dann wieder Mathematik. Dieses Prinzip erleichtert vieles. Man kann sich auf eine Sache konzentrieren, kann an ihr dran bleiben. Und vor allem: Man kann und soll in der Zwischenzeit auch wieder vergessen. Vergessen ist ein zeitweiliges Absinken des Wissens ins Unbewusste und vergleichbar dem Schlafen. Und so wie der Mensch den Schlaf braucht, um gesund leben zu können, so braucht er auch das Vergessen und wieder Bewusstmachen, um gesund lernen zu können. Und damit berührt man schon ein so wenig bekanntes inneres Zentrum der Waldorfpädagogik. Sie ist meines Wissens bis heute weltweit die einzige Pädagogik, deren zentrales Ziel es ist, NACHHALTIG GESUND zu erziehen. Erst seit wenigen Jahren beginnt die Medizin zu erforschen, welche langfristigen Folgen  die verschiedenen körperlichen und seelischen Kindheitsprägungen im Erwachsenenalter haben. Die Waldorfpädagogen befassen sich seit Jahrzehnten damit, welche Erziehungsmethoden gesund sind und welche Methoden mittel- und langfristig gesundheitliche Schädigungen hervorrufen. Erste Vergleichsstudien zeigen, dass Waldorfschüler im statistischen Mittel auf einigen Gebieten (zum Beispiel dem der Allergien) tatsächlich signifikant gesünder sind. (Nachzulesen zum Beispiel in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet, 5/1999).  
Wer als Erwachsener an den Spätfolgen der Erziehung erkrankt, hat ein Handicap. Es behindert ihn bei der Ausführung seiner Impulse. Hauptaufgabe der Waldorfpädagogik ist es, so zu erziehen, dass die Menschen als Erwachsene möglichst günstige Voraussetzungen in sich selbst haben, um ihre ureigensten und besten Impulse in die Welt zu bringen. Deshalb rennen die Waldorfpädagogen nicht auch gleich jedem neuen Erziehungsziel hinterher. Wenn zum Beispiel heute in einigen Kantonen der Schweiz verlangt wird, dass die Erst- und Zweitklässler bereits am PC arbeiten sollen, dann haben die Waldorfpädagogen gewichtige Einwände dagegen und werden das nicht gleich mitmachen. Und zwar nicht deshalb, weil sie altmodisch wären, sondern weil sie aus sehr guten Gründen das für ungesund halten. Selbstverständlich arbeiten auch die Waldorfschüler der Tübinger Schule am PC in eigens dafür eingerichteten Räumen. Aber nicht gleich in den ersten Klassen, sondern zu einem viel späteren Zeitpunkt. Und darin liegt prinzipiell einer der ganz wichtigen Ansätze der Waldorfpädagogik. Ihr Lehrplan richtet sich bis in Einzelheiten für jedes Fach danach, welcher Unterrichtsstoff und welche Methoden für welche Alterstufe körperlich, seelisch und geistig richtig und dadurch nachhaltig gesund sind. Die Grundlage dafür ist die sehr umfassende spirituelle Menschenkunde Rudolf Steiners, die sehr detailliert die Entwicklung des Kindes beschreibt und zeigt, welche Auswirkungen die verschiedenen geistigen und seelischen Tätigkeiten auf den Körper und welche Auswirkungen die verschiedenen körperlichen Tätigkeiten auf Seele und Geist haben.

Bekannt ist vielfach auch, dass in der Waldorfschule die künstlerischen Fächer ein sehr großes Gewicht haben. Aber das haben sie nicht, weil Kunst ganz schön und nett ist, sozuzusagen eine Art Schlagsahne auf der Erdbeertorte der Pädagogik, sondern weil künstlerische Tätigkeit - in der rechten Weise ausgeübt - eine gesundende Wirkung hat und auf ganz besondere  Weise gerade auch die intellektuellen Fähigkeiten zur Reife bringen kann. Aus diesem Grund gibt es sogar in der Tübinger Waldorfschule von eigens dazu angestellten Gesangspädagogen in der 11. Klasse Einzelunterricht in Gesang für diejenigen Schüler, die das wünschen.

Auffällig ist manchmal auch die Architektur der Gebäude. Wie auch immer sie aussehen mag, ihr Ziel ist es, den Schülern einen Umraum zu geben, der möglichst bis in die Farbgestaltung hinein der jeweiligen Altersstufe und dem Entwicklungsstand gerecht wird. Wer Zeit und Lust kann, kann sich ja die eindrucksvoll schöne Gesamtanlage anschauen und vergesse dabei nicht, auch einen Blick in den wunderbaren, mehrfach ausgezeichneten Schulgarten zu werfen.

Vor allem aber lebt in der Waldorfschule ein besonderer Geist. Und Schüler, die von einer anderen Schule an eine Waldorfschule wechseln, bemerken dies sehr schnell. Diese Grundatmosphäre hängt mit dem Menschenbild zusammen, das der Waldorfpädagogik zugrunde liegt: Für sie ist jeder Mensch ein ganz individuelles körperliches, seelisches und geistiges Wesen, das der Welt etwas zu geben hat. Aufgabe der Pädagogik ist es, die Kinder so zu erziehen, dass sie als Erwachsene möglichst viel von dem, was sie an neuen Impulsen in sich tragen, kraftvoll umsetzen können.

Ein besonders Kapitel ist die sehr intensive Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern an der Waldorfschule. An der Tübinger Schule geht dies sogar so weit, dass im Prinzip alle wichtigen Entscheidungen, die die Schule betreffen, von Lehrern und Eltern gemeinsam getroffen werden. Und vor allem auf pädagogischem Gebiet arbeiten Lehrer und Eltern eng und intensiv zusammen.

Aber auf der anderen Seite darf man nicht glauben, dass alles an der Waldorfschule Gold ist, nur weil sie ein großartiges pädagogisches Konzept hat. Ab und zu raten wir den einen oder anderen Eltern, ihr Kind auf eine andere Schule zu tun. Aus den verschiedensten Gründen. Auch Waldorfschulen haben Mängel und Schwachstellen. Wir können uns auf allen Gebieten immer noch  verbessern. Und gerade deshalb entwickelt die Tübinger Schule zur Zeit ein System der Qualitätsentwicklung, um Schwachstellen und Mängel möglich zügig und dauerhaft zu überwinden.
Denn in der Waldorfschule soll auf allen Gebieten möglichst viel geleistet werden. Aus Begeisterung und aus Liebe zu den Kindern und ihrer Zukunft.

Autor: Dr. Valentin Wember. Seit 25 Jahren Waldorflehrer. Seit 2007 an der Tübinger Freien Waldorfschule. Tätig in der Lehrerausbildung in der Schweiz und in den USA.



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