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Es geht auch ohne G8-Stress
Seite 2

Erziehung zur Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit
an der Oberstufe der Tübinger Freien Waldorfschule

Ein Ziel jeder Pädagogik muss es sein, dass die Schülerinnen und Schüler ihre vielfältigen Potenziale möglichst optimal ausschöpfen und entwickeln. Dazu gehört auch das Potenzial der Belastbarkeit. Im Leben nach der Schule kommen nicht wenige Belastungen auf einen zu. Studium und Beruf sind in aller Regel nur für eine Minderheit ein Wunschkonzert ohne jeden Stress.
Es ist also wichtig, dass Schüler unter anderem gelernt haben müssen, mit erheblichen Belastungen konstruktiv und produktiv umzugehen. Dazu gehört auch die Frustrationstoleranz. Die weit verbreitete Vorstellung, dass in der Schule alles immer nur Spaß machen muss, ist pädagogischer Kitsch.
Richtig ist allerdings, dass es sehr viel besser ist, wenn man etwas mit Freude und Begeisterung tun kann. Einer der größten Lehrer aller Zeiten, der griechische Pilosoph Aristoteles, hat hier den entscheidenden Punkt klar formuliert. Ihm zufolge gibt es nämlich flüchtigen und seichten Spaß auf der einen Seite und nachhaltige, tiefe Befriedigung auf der anderen. Entscheidend sind 2 Faktoren:
Laut Aristoteles empfindet der Mensch am meisten nachhaltige Befriedigung, wenn er etwas tut, was er kann. Und die Befriedigung ist umso tiefer und nachhaltiger, je anspruchsvoller und wertvoller die Tätigkeit ist, die man ausübt.
Damit ist klar, worum es in der Erziehung geht: Die Schüler müssen einen Sinn dafür entwickeln, was anspruchsvolle und wertvolle Aufgaben sind. Und sie müssen die Fähigkeit ausbilden, diese anspruchsvollen und wertvollen Aufgaben bewältigen zu können.
Vor wenigen Wochen sagte ein Abiturient der Tübinger Freien Waldorfschule rückblickend zum Sinn des Faches Mathematik im Abitur (ein Fach, das wohl den meisten aller Schüler in Deutschland nicht gerade im Verdacht steht, ein reines Spaß-Fach zu sein): "In Mathe liegt nicht meine Stärke, aber ich habe durch dieses Fach gelernt, auf hohem Niveau logisch und klar zu denken."
Leistungsfähig und belastbar zu sein, ist also ein wichtiges Erziehungsziel. Aber wie erreicht man es auf sinnvolle Weise? Vor einigen Wochen gingen Tausende Schüler und Studenten in deutschen Städten auf die Straße und demonstrierten unter anderem gegen unsinnigen Stress in Schule und Uni. Und das mit Recht. Immer mehr Schüler und Eltern leiden zum Beispiel unter dem G8-Stress. Immer mehr werden dadurch demotiviert, immer mehr werden dadurch krank.
Dabei weiß es eigentlich jeder: Stress macht krank. Der SPIEGEL hat dazu einen umfangreichen Artikel veröffentlicht: Stress „verwüstet die Gehirne“. Und deshalb ist Stress kein Mittel, um zur Belastbarkeit zu erziehen. Im Gegenteil: Er laugt frühzeitig aus. Entscheidend für eine Pädagogik ist aber doch, wie viel Lebensenergie ein Mensch auch noch mit 40, 50 oder 60 Jahren hat. Und gerade hier liegt seit 90 Jahren ein langfristiges Ziel der Waldorfpädagogik: Methodisch so erziehen, dass die Schüler später im Leben möglichst viel Energie haben. Aus diesem Grund gibt es an der Tübinger Waldorfschule zum Beispiel keinen Versetzungs- oder Zulassungsstress. Es gibt kein Sitzenbleiben. Und: Jeder Schüler entscheidet zusammen mit seinen Eltern, welchen Abschluss er macht, ob Abitur, Fachabitur, Mittlere Reife oder Hauptschulabschluss. Unglaublich, aber wahr: Nur der Schüler entscheidet das, und zwar nach seiner Selbsteinschätzung. (Und dabei staunt man dann, wie gut und ehrlich die Selbsteinschätzung der Schüler in aller Regel ist.) Und die Lehrer? Die Lehrer beraten ihn nur. Es ist schwer abzuschätzen, wie viel weniger Stress allein durch ein solches Vorgehen möglich wird! Leisten die Schüler aber deshalb weniger? Nicht im geringsten! Jahr für Jahr zeigen sich Kollegen der staatlichen Schulen, die zu den mündlichen Prüfungen der Tübinger Waldorfschule kommen, beeindruckt. Die Ergebnisse können sich sehen lassen!






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